
Was ist plyometrisches Training überhaupt?
Darunter versteht man Übungen, bei denen eine explosive Bewegung direkt auf eine kurze Dehnungsphase folgt. Dieses Prinzip basiert auf dem sogenannten Stretch-Shortening-Zyklus: Die Muskulatur wird zunächst vorgedehnt und dann sofort aktiv verkürzt. Als Beispiel wäre ein Sprung zu nennen, wo man zuerst ganz kurz hinunter geht um dann sofort zu springen im Unterschied zu einem Sprung, wo man kurz ein paar Sekunden in der tiefsten Position verharrt. Ziel ist es, die gespeicherte elastische Energie der Muskulatur und Sehnen maximal auszunutzen – für mehr Explosivität, Schnelligkeit und Reaktivkraft.
Somit ist nicht jeder Sprung ist automatisch „plyometrisch“. Nur wenn der Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus genutzt wird, spricht man im eigentlichen Sinne von plyometrischem Training.
Doch nun zu den Vorteilen von dieser Art von Training:

1. Verbesserung der Schnellkraft (Rate of Force Development, RFD)
Eine der wichtigsten athletischen Fähigkeiten ist die Schnellkraft, auch bekannt als Rate of Force Development (RFD). Sie beschreibt, wie schnell du Kraft aufbauen kannst zum Beispiel beim Start eines Sprints, einem Richtungswechsel oder einem Sprung oder auch im Kampfsport, wenn z.B. im Boxen die Faust maximal schnell nach vorne muss.
Studien zeigen, dass plyometrisches Training die RFD signifikant verbessert. Markovic und Mikulic (2010) fanden in ihrer Übersichtsarbeit, dass wiederholte, explosive Sprünge zu messbaren Anpassungen im neuromuskulären System führen: Die neuronale Ansteuerung der Muskulatur wird effizienter, das Zusammenspiel verschiedener Muskeln (intra- und intermuskuläre Koordination) verbessert sich, wodurch die Kraft schneller verfügbar ist.
Diese Effekte entstehen nicht nur bei Leistungssportlern, sondern auch bei Freizeitathleten und sogar im Reha-Bereich. Je schneller du Kraft entwickeln kannst, desto leistungsfähiger und reaktiver wirst du in Alltag und Sport.

2. Steigerung der Explosivkraft und Sprunghöhe
Neben der Schnellkraft steigert plyometrisches Training auch die maximale Explosivkraft, also die Fähigkeit, in kurzer Zeit möglichst viel Kraft freizusetzen. Das ist essenziell für alle Bewegungen, die mit Abstoß oder Abdruck zu tun haben – also Sprünge, Sprints oder z.B. auch ein Kugelstoß.
Ramirez-Campillo et al. (2015) analysierten in einer Meta-Studie über 100 wissenschaftliche Arbeiten und kamen zu einem klaren Ergebnis: Sowohl Anfänger als auch erfahrene Athleten verbesserten durch Sprungtraining ihre Sprunghöhe signifikant – oft bereits nach 6 bis 8 Wochen. Der größte Fortschritt zeigte sich beim Countermovement Jump (CMJ), einer der standardisierten Tests zur Erfassung von Explosivkraft.
Entscheidend ist nicht nur die Kraft der Beinmuskulatur, sondern auch die Qualität der Bewegungsausführung. Sprungtraining verbessert beides: die körperlichen Voraussetzungen und das Bewegungstiming.

3. Verbesserung der Lauf- und Sprintleistung
Sprünge helfen nicht nur beim Hochspringen, sie machen dich auch schneller auf der Laufstrecke. Vor allem Antritt, Beschleunigung und Richtungswechsel profitieren von regelmäßigen plyometrischen Reizen.
De Villarreal et al. (2012) konnten in einer systematischen Untersuchung zeigen, dass gezieltes Sprungtraining die Sprintleistung besonders auf den ersten 40 Metern deutlich verbessert. Die Erklärung liegt in der verbesserten Nutzung der elastischen Energie in Sehnen und Muskeln: Die Beinmuskulatur (+ Sehnen) nutzt gespeicherte elastische Energie effizienter, wodurch Bewegungen dynamischer und ökonomischer ablaufen.
Besonders effektiv sind hierbei Sprungvarianten mit horizontaler Komponente wie Bounding, einbeinige Hops oder Drop Jumps. Diese erhöhen die Fähigkeit, nach kurzer Bodenkontaktzeit wieder maximalen Abdruck zu erzeugen, exakt wie beim Sprint.
4. Verletzungsprävention, v. a. bei Knie und Sprunggelenk
Ein entscheidender Vorteil plyometrischer Komponenten in Trainingsprogrammen liegt in ihrer nachweislich präventiven Wirkung auf vordere Kreuzbandverletzungen (ACL), besonders bei Sportarten mit häufigen Stopps, Richtungswechseln oder Sprüngen.
Eine sehr umfassende Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 über 9 Studien insgesamt mit über 14.000 Teilnehmer:innen bestätigt: Programme mit plyometrischen Übungen können das Verletzungsrisiko des vorderen Kreuzbandes um bis zu 60 % reduzieren im Vergleich zu Standard-Warm-ups ohne solche Übungen.
Dies verdeutlicht eindrucksvoll: Plyometriebasierte Präventionsprogramme wirken – und zwar deutlich messbar. Besonders stark war der Effekt bei nicht-kontaktbedingten Verletzungen des vorderen Kreuzbandes und bei Männern. Warum der Effekt bei Männern größer war als bei Frauen könnte sowohl anatomische und biomechanische als auch hormonelle Gründe haben, die Frauen anfälliger für Kreuzbandverletzungen machen.
Die physiologischen Mechanismen dahinter: Verbesserung der Landetechnik, stabile Kontrolle über Hüfte und Knie sowie eine gezielte Aktivierung der muskulären Führungsstruktur der Extremitäten. Genau diese Faktoren sind entscheidend, um typische Bewegungsmuster mit hohem Verletzungsrisiko zu vermeiden.
Auch Programme wie das international etablierte „FIFA 11+“, das weltweit zur Verletzungsprävention eingesetzt wird, basieren auf genau diesen Erkenntnissen und beinhalten gezielte plyometrische Inhalte.

5. Verbesserte Knochendichte und Sehnensteifigkeit
Plyometrisches Training wirkt nicht nur auf Muskeln und Nerven, es beeinflusst auch Knochen und Sehnen. Die hohe mechanische Belastung bei Sprüngen löst in diesen Geweben spezifische Anpassungen aus: Die Knochendichte steigt, Sehnen werden steifer und belastbarer, was wiederum die Kraftübertragung verbessert und Verletzungen vorbeugt.
Nikander et al. (2010) zeigen in einer umfangreichen Übersichtsarbeit, dass besonders Sprungformen – im Gegensatz zu reinem Ausdauertraining – eine signifikante Erhöhung der Knochenmineralisierung bewirken. Das ist nicht nur für junge Athleten interessant, sondern auch für ältere Menschen im Kontext der Osteoporose-Prävention. Wie eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 festgestellt hat, sind Sprünge auch für Menschen über 60 Jahren eine praktikable und sichere Möglichkeit, um (neben vielen anderen gesundheitlichen Parametern) auch die Knochendichte zu erhöhen. Am besten durchgeführt in Kombination mit einem Krafttraining.
Zudem passt sich die Sehne durch plyometrische Belastung an: Sie wird steifer, kann mehr Kraft speichern und schneller wieder freigeben, was sich direkt positiv auf Sprung- und Laufleistung auswirkt.
6. Übertragung auf sportartspezifische Bewegungen
Die meisten Sportarten basieren auf schnellen, zyklischen oder reaktiven Bewegungen – sei es Sprinten, Springen, Richtungswechsel oder Werfen. Plyometrisches Training verbessert die entsprechenden Fähigkeiten direkt und hat somit eine hohe Übertragbarkeit auf komplexe sportliche Bewegungen.

Fazit: Sprünge gehören in jedes gut strukturierte Trainingsprogramm
Ganz egal ob du ein Weekend Worrier oder Leistungssportler bist: Sprünge bieten ein enormes Potenzial, um Leistung zu verbessern, Verletzungen zu vermeiden und langfristige Gesundheitsziele zu fördern. Dabei ist nicht nur die Art der Sprünge entscheidend, sondern auch die Dosierung und Progression.
Denn ein Hinweis zum Schluss sei hier noch angebracht: Die Kräfte, die bei Sprünge auf den Körper wirken, sind enorm und die Belastungen im Krafttraining dazu gerade lächerlich. Deshalb ist umfangreiches Aufwärmen, eine gute Technik und volle Konzentration bei der Übungsausführung notwendig.
Beginne mit wenigen und „einfachen“ Sprüngen (z.B. Hops oder Squat Jumps) und steigere dich über die Wochen und Monate langsam im Volumen und in der Intensität der Sprünge. Achte besonders bei der Landung auf eine gute Technik.
Neuro-musculoskeletal and performance adaptations to lower-extremity plyometric training, Markovic & Mikulic, 2010
Plyometric-Jump Training Effects on Physical Fitness and Sport-Specific Performance According to Maturity: A Systematic Review with Meta-analysis, Ramirez-Campillo et.al., 2023
The effects of plyometric training on sprint performance: a meta-analysis, Sáez de Villarreal, 2012
A meta-analysis of the effect of neuromuscular training on the prevention of the anterior cruciate ligament injury in female athletes, Ho Yoo et.al., 2009
Anterior Cruciate Ligament Injuries in Female Athletes Part 2, A Meta-analysis of Neuromuscular Interventions Aimed at Injury Prevention, Hewett et.al., 2005
Injury prevention programs that include plyometric exercises reduce the incidence of anterior cruciate ligament injury: a systematic review of cluster randomised trials, Wesam Saleh A Al Attar et.al., 2022
Targeted exercise against osteoporosis: A systematic review and meta-analysis for optimising bone strength throughout life, Nikander et.al., 2010
The Efficacy and Safety of Lower-Limb Plyometric Training in Older Adults: A Systematic Review, Vetrovsky et.al., 2019
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Konrad ist staatlich geprüfter Athletiktrainer und hilft seinen Kunden mit individuellem Kraft- und Schnelligkeitstraining, ihre Ziele zu erreichen. Außerdem ist er der Geschäftsführer von TREMOS.
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